Rund 13.000 Kilometer trennten mich ein Jahr lang von Deutschland. Ein Jahr lang lebte ich im Kinderheim „Hogar de la Esperanza“, in einem völlig anderen Land, in einer völlig fremden Kultur, weit weg von meiner Familie und meinen Freunden.
Doch vor fast drei Wochen hieß es dann schon wieder auf einmal Abschied nehmen. Abschied von den tollen Kindern, den liebgewordenen Angestellten, von unseren bolivianischen Freunden… Abschied von meinen neuem, meinem zweiten Zuhause.
Erst als ich mit meinen zwei Koffern am Flughafen stand, weinend meinen Freunden in den Armen lag und kurz danach ins Flugzeug einstieg wurde mir bewusst, dass es nun wirklich kein zurück mehr gibt, dass ich nun wirklich aus meinem bolivianischen Alltag herausschlüpfen muss. Es war irgendwie ein komisches Gefühl… war doch einerseits die Freude da, endlich wieder Familie und Freunde in Deutschland wieder zu sehen, doch gleichzeitig war es auch genauso traurig dieses ganz andere Leben hinter sich zu lassen.
Keine sandigen, staubigen Straßen mehr, kein gequetsche in den überfüllten, viel zu kleinen Bussen, nie mehr fluchend unter der Dusche stehen, weil einfach kein warmes Wasser kommt, nie mehr nass geschwitzt die Wäsche mit der Hand waschen, nie mehr laut schreiend vor rießen Spinnen, glibbrigen Fröschen oder Ratten in der Wohnung davon laufen.
Und vor allem keine Kinder mehr, die sonntags morgens ab halb acht durchgehend an die Tür hämmern, keine Kinder mehr, die dich mit ihren großen, braunen Augen anschauen und dich damit nerven, dass sie mal wieder mit Wasserfarbe malen wollen, keine Kinder mehr, die du zum erneuten Male ermahnen musst, ihre Hausaufgaben zu machen.
Doch dann gibt es auch keine Kinder mehr, die sobald sie dich sehen, deinen Namen laut vor Freude rufen, die dir entgegen rennen um dich in den Arm zu nehmen, die dich bereits samstags morgens fragen, wann du endlich wieder zum Arbeiten zu ihnen ins Haus kommst und auch keine Kinder mehr, die dich nicht mehr los lassen wollen, wenn du abends mit ihnen in ihrem Bett kuschelst.
All diese Momente haben mein einjähriges Abenteuer erst so spannend gemacht, sodass ich nun sagen kann, dass ich keine einzige Sekunde missen möchte. Jeder Zweifel der hin und wieder mal auftauchte, wurde gleich durch ein Kinderlachen, eine herzliche Umarmung oder einen dicken, spuckigen Schwatzer auf der Wange vertrieben.
Nun möchte ich mich jedoch auch ganz herzlich bei allen Spendern bedanken, auch im Namen der Kinder, Angestellten und Schwestern des Heimes. Durch die umfangreiche Unterstützung konnte ich den Kindern vieles ermöglichen und ihnen das ein oder andere Lachen schenken.
Zu meiner täglichen Arbeit am Nachmittag zählte nach der Hausaufgabenbetreuung, die Feizeitgestaltung meiner kleinen Mädchen. Hier versuchte ich immer möglichst verschiedene Angebote durchzuführen wie Bastelarbeiten, Kekse oder Kuchen backen oder ihnen bei einem Obstsalat die verschiedenen Früchte näher zu bringen.

Das Highlight für jedes der Kinder war sicherlich ihr Geburtstag, denn wir immer mit einer großen Torte, einem selbst gemachten Armband als Geschenk und einigen Spielen feierten. So gab es für jedes Mädchen mal einen Tag, an dem nur sie im Vordergrund stand. Dajer nahm ich auch die ständige Frage: „Wann habe ich endlich Geburtstag?“ doch gerne im Kauf

Im Sommer besuchten wir einige Male das Schwimmbad in unserem Wohnviertel, wobei ich bei den täglichen 36 Grad die Kids am Abend nur schwer aus dem kühlen Nass herausbekam.

Aufgrund der ständigen Hitze und der hohen Luftfeuchtigkeit war es erforderlich Ventilatoren für die Häuser der Kinder anzuschaffen, um einen ruhigen und entspannten Schlaf sowie ein konzentriertes Erledigen der Hausaufgaben, ohne von der Hitze abgelenkt zu werden, zu ermöglichen.
Für meine Vorschulklasse, den drei und vier jährigen Kindern, mit denen ich am Morgen zusammenarbeitete, kaufte ich außerdem Lern- und Spielmaterialien. Mit diesen können vor allem die „schnellen Kinder“ spielerisch Dinge wie die Vokale, Zahlen oder Körperteile lernen, während die langsamer arbeitenden Schüler so in Ruhe ihre Aufgaben beenden können. Außerdem schaffte ich Holztische an, die die wackligen Plastiktische ersetzen und an denen das Arbeiten nun hoffentlich noch mehr Spaß macht

In den letzten Winterferien streichte ich das Wohnhaus der Mädchen. Die Wände in den zwei Aufenthaltsräumen sowie den Fluren waren bemalt und aufgrund der hohen Feuchtigkeit blätterte auch an manchen Stellen bereits die Farbe ab. Mit dem neuen abwaschbaren Wandanstrich hoffe ich, dass das Wohnen und Leben den Kindern in ihren „neuen“ Haus nun wieder mehr Freude macht.
Bei einem Großeinkauf zusammen mit meiner Hausmutter besorgten wir Socken, Unterhosen, Strumpfhosen und Schlafanzüge sowie Schulmaterial, wie Buntstifte, Radiergummis, Klebe, Scheren und Schulhefte für die Kids. Als ich dann voll beladet mit den ganzen Tüten bei den Kindern angekrochen kam, stürmten mir die kleinen Dötze entgegen und schauten ganz neugierig in die vielen Einkaufstüten. Ich bin heute noch fasziniert davon, wie sehr sich diese Kinder schon alleine nur über die neuen Unterhosen gefreut haben. Noch nie habe ich ein Kind so strahlen gesehen, als es einfach nur einen neuen Schlüpfer bekommen hat.
Eins meiner Mädchen ist als kleines Kind mit ihrem rechten Arm in eine Pfanne mit heißem Fett gestürzt. Das sechs jährige Mädchen kann nun endlich Ende September operiert werden, da ein Nerv aufgrund der schwerwiegenden Verbrennung beschädigt wurde. So soll verhindert werden, dass sie nach weiterem Wachstum ihren Arm nicht mehr knicken kann. Gleichzeitig wird ihre stark vernarbte Haut transplantiert.
Zum Abschied fuhr ich mit meinen Mädels in die Stadt zum Eis essen und bemalte zusammen mit den Kids T-Shirts mit ihrem Namen und einer Disney-Figur.

Dies alles war jedoch nur aufgrund der großen Spendenbereitschaft möglich. Vielen Dank!
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